Erfahrungsberichte

37 Grad

 

Bild_Erfahrungsberichte„Augen zu und durch – warum ich alles anders sehe“

von Anabel Münstermann

 

Redaktion: Brigitte Klos

Online Redaktion: Uschi Hansen

 

 

Wie alles begann

Als mir meine 37-Grad-Redakteurin zum ersten Mal die Geschichte von Saliya erzählte, war ich beeindruckt und überrascht – aber ich hatte auch Zweifel.

Zweifel an der Blindheit, Zweifel an der Lebensgeschichte, Zweifel an der Authentizität des Protagonisten.

So fand unser erstes Treffen unter dem Zeichen meiner Voreingenommenheit statt. Aber Saliya hielt nicht nur meinen Fragen und Prüfungen stand, er überzeugte, ohne überzeugen zu wollen. Er spürte meine Zweifel, die er dann auch sehr direkt angesprochen und aus dem Weg geräumt hat. Er ist charmant, intelligent und offen. Ich warte auf einen Fehler, eine Unsicherheit – nichts. Während unseres gesamten Gespräches sieht er mir direkt in die Augen, gießt mir mein Wasser nach und hilft mir schließlich in den Mantel. Wie macht er das? Das sollte und wollte ich während unserer zehntägigen Drehzeit herausfinden. Ich war sehr gespannt.

 

HEROES

Dreharbeiten mit einem Sehbehinderten

Bei den Dreharbeiten erlebten wir einen hoch konzentrierten und extrem professionellen Protagonisten, der nicht erkennen ließ, dass er eine Behinderung hat. Mit seinem Charme hat er das ganze Team schnell um den Finger gewickelt. Nur in den Drehpausen konnten wir einen anderen Saliya beobachten. Dann musste er auftanken, Kraft sammeln. Was man ihm während der Arbeit nicht ansah, war, wie anstrengend es für ihn ist, den fehlenden Sinn auszugleichen. Manchmal konnte man ihn dabei beobachten, wie er Schritte zählte, einen Raum abschritt oder angestrengt auf die herannahenden Autos und Radfahrer horchte.

 

Wie aber schafft es jemand, der fast blind ist, als Barkeeper und Restaurantchef zu arbeiten, ohne aufzufallen? Wie wir gelernt haben, schafft er das durch unbeschreiblichen Fleiß, ein fast fotografisches Gedächtnis und ein bisschen Magie. Zehn Jahre nach seinem Ausstieg aus der Hotelbranche hat er sich für uns zum ersten Mal wieder hinter die Bar begeben und demonstriert, wie er Cocktails mixt und die richtigen Flaschen greift, wie er polierte von schmutzigen Gläsern unterscheidet.

Auch seine verblüffende Art, immer dem Blick des Gegenübers zu folgen ist nur einer von vielen Tricks, den er uns genau erklären konnte: Er höre genau, woher die Stimme komme und peile exakt den Mund an. Wenn er dann seinen Blick um 15 Grad nach oben richte, würde das Gegenüber glauben – und das

Kann ich bestätigen –, dass er einem direkt in die Augen schaue.

 

Mit der Zeit haben wir auch viele andere seiner Überlebenstricks durchschaut.

Zum Beispiel, warum er einen immer ins Gespräch verwickelt, warum man mit ihm nie, ohne zu reden durch die Stadt gehen kann. Weil er die akkustischen Signale unserer Stimmen braucht, um sich zu orientieren. Wenn ich aufhörte, mit ihm zu sprechen, war er plötzlich verloren. Am letzten Drehtag gab es einen heftigen Sturm in Hamburg. Da bat Saliya darum, keine Außenaufnahmen mit ihm zu machen, denn der Sturm sei so laut, dass er sich nicht mehr anhand der Verkehrsgeräusche sicher orientieren und bewegen könne.

 

Ihn kennen zu lernen und mit ihm zu arbeiten, war eine große Bereicherung, denn er hat uns auch gelehrt, die Welt durch seine Augen zu sehen.

 

Warum nimmt jemand all das auf sich, um nur nicht als Blinder erkannt zu werden?

Während der gesamten Dreharbeiten hat uns eine Frage begleitet: Warum nur verbirgt er seine Behinderung? Warum macht er es sich nicht leichter, indem er auf die gebotenen Hilfen wie Blindenstock, Armbinde etc. zurück greift? Erst mit der Zeit haben wir erkannt, dass die Offenbarung der Behinderung zu keiner Erleichterung führt, denn sie stigmatisiert den Betroffenen, grenzt ihn aus. Nach diversen Versuchen, auch in der Welt der Behinderten zurecht zu kommen, ist Saliya immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass er dort niemals Karriere hätte machen können, dass er als Blinder nur auf einem Abstellgleis unserer Gesellschaft gelandet wäre. Trotz aller Gleichstellungsbemühungen bleibt ein Behinderter ausgegrenzt, Erfolg in Beruf und Gesellschaft die große Ausnahme. Mit den Erkennungszeichen eines Sehbehinderten wird er mitleidvoll als Behinderter betrachtet – ohne diese offensichtlichen Signale jedoch als vollwertiger und individueller Mensch. „Ich möchte selbst entscheiden, wo und wann ich meine Behinderung offenbare. Solange es geht, werde ich dafür kämpfen, in der Welt der Sehenden zu bleiben!“