Abendblatt:
Herr Kahawatte, wir haben Sie vor zwei Jahren im Abendblatt porträtiert. Sie hatten schon eine beachtliche Karriere in der Gastronomie hinter sich und gerade Ihren Abschluss als diplomierter Hotelbetriebswirt bestanden – obwohl Sie nur noch über fünf Prozent Ihrer Sehkraft verfügen. Was hat sich für Sie verändert?
Saliya Kahawatte:
Damals hatte ich auf eine Festanstellung gehofft. Berufserfahrung plus guter Studienabschluss müsste doch eigentlich in einem Arbeitsverhältnis enden. Aber so schön der Erfolg war, als erster Sehbehinderter diesen Abschluss machen zu können, so traurig war es dann, feststellen zu müssen, dass mich niemand anstellen wollte.
Abendblatt:
Was war Ihre Alternative?
Kahawatte:
Als ich Hartz IV beantragen musste, reifte der Gedanke, mich als Unternehmensberater selbstständig zu machen. Mein Arbeitsvermittler hat mir nach anfänglichem Zweifel ein Einstiegsgeld bewilligt. Das notwendige Okay von der Handelskammer konnte ich ja vorlegen. Und dann habe ich als Ein-Mann-Show, nur mit Laptop und Handy ausgestattet, angefangen.
Abendblatt:
Was ist jetzt das Besondere an Ihrer Beratung?
Kahawatte:
Ich arbeite mit anderen Analysemethoden als klassische Berater. Die meisten Menschen denken, das, was sie sehen, sei der größte Teil der Realität. Ich mache als Berater einfach das, was ich durch meinen Augenfehler als Alleinstellungsmerkmal entwickeln konnte: gut zuhören, riesige Datenmengen memorieren und analysieren, darauf aufbauend Stärken und Schwächen herausarbeiten, Gefahren erkennen und Potenziale weiterentwickeln.
Abendblatt:
Was hören Sie denn genau?
Kahawatte:
Jeder Mensch spricht mit einem Stimmprofil, das zu ihm gehört wie sein Fußabdruck. Wenn ich mich mit einer gezielten Fragetechnik mit jemandem unterhalte, dann höre ich sehr schnell, ob dieser Mensch mit einer Stimme spricht, die zu ihm gehört, oder ob sie aufgesetzt ist. Und ich merke, wann sein Stimmprofil anfängt zu kippeln. Dann signalisiert mir das: Hier stimmt was nicht. So höre ich zum Beispiel Probleme, die ein Mitarbeiter eigentlich gar nicht zugeben mag.
Abendblatt:
Bilanzen sind bei Ihrer Beratung nicht wichtig?
Kahawatte:
Doch, aber sie stehen nicht im Fokus. Die Zahlen stehen am Ende einer Prozesskette. Man muss sich vor allem die operativen Prozesse angucken – und das heißt, mit den Leuten reden.
Abendblatt:
Das klingt arbeitsintensiv und teuer.
Kahawatte:
Ja und nein. Aber ich kann nur im Markt bestehen, wenn ich bessere Leistung zu einem günstigeren Kurs bringe. Wenn Sie Existenzgründer sind und dann noch schwerbehindert, müssen Sie sich große Skepsis gefallen lassen – und dürfen sich keine Fehler erlauben. 99 Prozent heißt durchgefallen.
Abendblatt:
Sie haben Angestellte, da muss die Firma doch einiges abwerfen. Oder werden Sie aus einem Fonds gefördert?
Kahawatte:
Nein. Aber ich habe eine Sieben-Tage-Woche. Wir alle hier arbeiten sehr viel und genehmigen uns bestimmt kein fürstliches Gehalt.
Abendblatt:
Und wie fühlt es sich an, jetzt Arbeitgeber zu sein?
Kahawatte:
Ganz okay. Ich sehe mich in erster Linie als Mitarbeiter und nicht als Chef. Meine Leute wissen, was ich aufgrund meines Augenfehlers kann und was ich nicht kann. Darum haben wir hier eine ganz besondere Chemie. Sehr verkopfte Leute kommen damit nicht klar.
Quelle: Hamburger Abendblatt
Interview: Andrea Pawlik


















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